7 Irrtümer über Minimalismus

Minimalismus ist hip, alle finden es irgendwie cool – und doch halten sich einige Vorurteile hartnäckig. Mach dich frei davon und beginne eine kleine Revolution in deinen Räumen und in deinem Leben!

1. Minimalismus funktioniert nur mit strikten Regeln

Man hat dieses Bild im Kopf: Der Minimalist, der jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, im weissen Hemd eine halbe Stunde Yoga macht, seine Matte zusammenrollt und im fast leeren Raum eine Schale Müsli zum Frühstück isst, um danach seinen minuziös durchgeplanten Tag so richtig energiegeladen zu starten.

Ich bin nicht sicher, woher diese Vorstellung kommt. Wahrscheinlich die Verzerrung der Wirklichkeit durch viele Youtube-Videos, Life-Style-Magazine und Blogs zum Thema minimalistisch leben.

Garantiert sicher kann ich aber sagen, dass das absoluter Schwachsinn ist. Nicht die Vorstellung an sich – wenn jemand jeden Tag so beginnen möchte, warum nicht? – aber dass viele denken, man sei nur dann ein Minimalist, wenn man so lebt.

Sicher gibt es irgendeine offizielle Definition von Minimalismus. Der Duden beispielsweise sagt dazu: «Bewusste Beschränkung auf ein Minimum, auf das Nötigste». Aber was ist das Minium, das Nötigste?


Minimalismus hat für mich viel mit Individualismus zu tun. Dich selbst mit deinen Bedürfnissen bewusst wahrzunehmen, zu wissen, was dir gut tut und was nicht, was du brauchst und was nicht – und dich dann in deinen Entscheidungen und Handlungen konsequent auf dieses Wesentliche zu konzentrieren.


Kein Platz also für allgemeingültige Regeln, wann man ein Minimalist ist und wann nicht. Minimalismus ist so individuell wie du selbst!


2. Minimalisten sind extrem im Möglichst-wenig-Besitzen

Logisch: Als Minimalist besitzt du nicht vier Handys, vor deiner Garage stehen nicht drei Autos und auch solche Dinge wie ein Reserve-Fernseher oder Rasierapparate auf Vorrat (ja, das gibt es alles!) lassen bei dir die Alarmglocken schrillen.

Aber muss man, um Minimalist zu sein, auf jeglichen Luxus verzichten? Das kuschlige Frottierhandtuch durch ein schnelltrocknendes Mikrofasertuch ersetzen, nur weil es weniger Platz wegnimmt? Das Geschirrset ins Brockenhaus bringen und nur noch 1 Teller, 1 Schüssel, 1 Glas und 1 Satz Besteck behalten?

Zum Glück nicht. Wenn du minimalistisch denkst, wirst du automatisch immer wieder ausmisten und dich fragen, ob du etwas wirklich brauchst oder nicht. Du wirst nur nur noch von Dingen umgeben sein, die entweder nötig sind oder die dir einfach guttun – alles andere hat schlicht keinen Stellenwert mehr in deinem Leben. Denn das IST Minimalismus: Eine Lebenseinstellung, kein Wettbewerb im Dinge-Wegwerfen.




3. Minimalisten sind weltfremd

Zugegeben, Minimalisten ziehen sich oft gerne zurück und machen nicht jeden Trend mit. Das hat aber nichts damit zu tun, dass sie eigenbrötlerisch, egoistisch oder gar weltfremd sind.

Nein, es gibt einen simplen Grund dafür: Minimalisten leben bewusster als – etwas salopp gesagt – der Durchschnitt.

Minimalisten sind Leute, die sich selbst in der Regel gut kennen und wissen, was sie NICHT wollen (um mal im Kontext des Reduzierens zu bleiben).

Zu den Dingen, die man reduzieren kann, gehören jedoch nicht nur materielle Güter wie z.B. Möbel, Krimskrams oder Anschaffungen, die man nicht mehr braucht. «Ausmisten» kann man auch sehr gut in anderen Lebensbereichen: Kontakte, die einem nicht guttun, Zeitdiebe im Alltag, Informationsquellen (sprich: Medien), die einen runterziehen.


Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich seiner Bedürfnisse bewusst ist, und um das zu erreichen, braucht es regelmässig auch den Rückzug und das Alleinesein mit sich selbst – was bei Aussenstehenden durchaus den Eindruck der Weltfremdheit erwecken kann.


Probier es doch mal aus: Einfach abschalten, für eine Weile alles um dich herum ausblenden, die Erwartungen der anderen abschütteln und dich fragen: «Was tut mir jetzt gut?»



4. Als Minimalist darfst du dir nichts mehr kaufen

Einen Teil der Antwort findest du bereits bei Frage 2.

Wenn du Minimalist sein möchtest, musst du kein schlechtes Gewissen haben und hoffen, dass dich niemand beobachtet, wenn du dir mal wieder ein Kleider-Shopping gönnst.

Einzige Regel: Qualität geht vor Quantität!

(Ok, ich geb’ es zu, bei Schokolade hat Letzteres bei mir genauso einen hohen Stellenwert :-))

Überleg dir vor allem, ob du das Teil a) wirklich brauchst und ob es b) einen Mehrwert generiert. Ein Beispiel: Du kaufst dir eine knallbunte, wild gemusterte Bluse, die sich mit nur gerade EINER Hose in deinem Schrank vorteilhaft kombinieren lässt. Die Gefahr ist gross, dass sie nach kurzer Zeit einer der berüchtigten Schrankhüter sein wird. Besser: Eine einfarbige Bluse mit zeitlosem Schnitt, die du gefühlt hundert Mal mit anderen Teilen aus deinem Schrank kombinieren kannst – und schon hast du eine wirklich wertvolle Investition gemacht, weil sie dir erstens lange Freude macht und dir zweitens weitere Fehlkäufe erspart.


5. Minimalisten leben alle in kleinen Wohnungen

Ein Vorurteil, auch wenn es durchaus Sinn machen kann, mit sehr wenig Besitz auch weniger Platz in Anspruch zu nehmen.

Solltest du dich für einen minimalistischen Lebensstil entscheiden, musst du aber nicht gleich in ein Tiny-House oder nach Tokio in ein Mikroapartment ziehen. Im Gegenteil: Geniesse die freien Flächen, die in deiner Wohnung oder in deinem Haus entstehen und dir wieder Luft zum Atmen lassen! Vielleicht kommt die Grosszügigkeit deiner Räume erst dann so richtig zur Geltung? Solche Orte sin übrigens hervorragend, um darin kreativ zu arbeiten (und damit meine ich nicht, dass du Künstler sein musst). Weil in ihnen keine Energieblockaden entstehen, um hier mal einen Feng-Shui-Begriff zu benutzen. Letztendlich ist es wichtig, dass du herausfindest, womit du dich wohlfühlst: Die Kompaktheit und Übersichtlichkeit auf engstem Raum oder die Weite der Freiheit?



6. Minimalismus ist eintönig

Dieses Vorurteil bezieht sich sowohl auf den Minimalismus als Lebensstil als auch auf die Raumgestaltung.

Minimalisten verzichten auf «unnötige» Dinge wie Ausgehen (weil Geldverschwendung), Luxusgüter und halten strikt ihren Tagesplan ein (weil effizient, siehe der Typ mit der Yogamatte bei Frage 1). Sie richten ihre Wohnungen in einer Farbe – meistens Weiss – ein und tragen auch Kleidung, die immer gleich aussieht.

Soweit das Klischee.

Ja, es macht Sinn und hat seine Gründe, warum in minimalistisch eingerichteten Wohnungen keine giftgrünen Vorhänge zu finden sind und die Deko nicht aus quietschgelben Gummientchen besteht, die wunderbar mit dem blau-rot karierten Teppich kontrastieren. Denn Minimalisten wollen in ihren Räumen zur Ruhe kommen und entspannen, und das geht am besten in einer optisch «Reiz-losen» Umgebung.

Was aber mit dem «langweiligen» Lebensstil? Immer auf Verzicht und Effizienz aus sein? Gegenfrage: Sind Konsumrausch und Party ein Garant dafür, dass sich das Leben NICHT eintönig anfühlt?

Ich persönlich empfinde es nicht als Verzicht, wenn ich bewusst kein Geld fürs Ausgehen ausgebe. Im Gegenteil ist es ein Gewinn für mich, weil meine Prioritäten für die Freizeitgestaltung einfach woanders liegen. Wie viel Zeit habe ich gewonnen, wenn ich nicht überall dabei sein «muss»!

Letztendlich gibt es aber kein Richtig oder Falsch. Was dich erfüllt und dein Leben spannend macht, entscheidest du selbst. Doch du kannst es ja auch einfach als Experiment betrachten: Einen Versuch ist der minimalistische Lebensstil allemal wert!



7. Minimalisten können nicht geniessen

Ooooh doch! Ich würde mich selbst nicht nur als Minimalistin, sondern als ausgesprochene Geniesserin bezeichnen!

Ich geniesse es, dank meines minimalistischen Lebensstils viel freie Zeit zu haben (ok, als ich noch nicht Mama war, war das erheblich einfacher als heute) und mich nicht rechtfertigen zu müssen, wofür ich sie einsetze.


Ich geniesse es, zu Vielem leichten Herzens «Nein» sagen zu können, wo andere sich aus Angst, nicht dazuzugehören, verbiegen.


Ich geniesse das Gefühl, in meinen Räumen von nichts Überflüssigem belastet oder gestört zu werden. Und sollte das der Fall sein, geniesse ich es, den Ballast ohne schlechtes Gewissen oder Herzschmerz loslassen zu können.

Ich geniesse es, genau zu wissen, was ich brauche, was mir guttut und in diesem Sinne selbstverantwortlich mit mir umzugehen.


Ich kann mit Genuss einkaufen, 7 Sorten Käse im Kühlschrank haben, ein Glas Wein trinken, die blaue Gummiente mit der goldenen Krone mit in die Badewanne nehmen, mir einen Tag im SPA gönnen.

Alles Dinge, die nicht «überlebenswichtig» sind, nicht im Entferntesten etwas mit Effizienz zu tun haben und auch nicht besonders nachhaltig sind.

Ich geniesse sie, weil ich sie BEWUSST konsumiere – und nicht aus Gewohnheit oder weil mir nichts Besseres in den Sinn kommt.

Und das macht den minimalistischen Genuss so besonders: Sich bewusst dafür zu entscheiden, statt sich aus Gewohnheit/Frust/Langeweile… berieseln zu lassen.






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